Was arbeitet eine Nonne, Mama?

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Genre: 
Kurzgeschichte

Als meine Großmutter ins Krankenhaus musste, waren unsere Kinder noch recht jung.

Dort fand ihre erste Begegnung mit einer Nonne im traditionellem Ordenshabit und Kopfschmuck statt. Eingeschüchtert von der schwarz-weißen Kluft, drückten sich beide Kinder enger an mich.

Die Nonne war etwa so alt wie ihre Oma und offensichtlich sehr kinderfreundlich.

„Hallo, ihr Zwei,“ sprach sie unsere Söhne an, „ihr braucht keine Angst zu haben. Ich heiße Gundhild und versorge hier die Kranken.“

Sie streckte ihre Hand aus, um beide zu begrüßen.

Nur zögerlich gaben unsere Kinder ihr die Hand.

„Ich denke, Ihre Ordenstracht wirkt sehr beeindruckend,“ versuchte ich die Befangenheit der Kinder zu erklären.

„Das kennen wir. In der Regel verlieren sie rasch ihre Angst, wenn sie uns auf der Station bei unserer Arbeit erleben“ erklärte sie mir lächelnd. „Oder wir sie mit Keksen ködern,“ setzte sie lachend hinzu.

Später im Krankenzimmer fragte unser vierjähriger Sohn leise: „Mama, was machen die Nonnen den ganzen Tag?“

„Weißt du, sie nehmen die Patienten hier auf, bereiten die Krankenakten vor und arbeiten auf den Stationen. Dort teilen sie Essen aus, oder helfen den Leuten beim Aufstehen aus dem Bett, beziehen die Betten neu“ , erzählte ich.

Aufmerksam lauschte er meinen Worten.

„Andere helfen in der Küche oder backen Kuchen für den Nachmittagskaffee in der Cafeteria. Vorhin, als wir ankamen haben wir auch eine der Nonnen mit einem Bücherwagen gesehen, vermutlich verleihen sie auch Bücher und verteilen Zeitungen,“ erklärte ich ihm.

„Mama, Tante Barbara sagt, sie sind nicht immer fröhlich.“

„Warum sollten sie immer fröhlich sein? Du, oder Tante Barbara seid auch nicht immer fröhlich..“.

Ich verstand den Sinn hinter seinen Worten nicht so ganz.

Was hatte meine Cousine den Kindern nur erzählt?“, überlegte ich.

Doch da plapperte mein Sohn schon munter weiter.

„Tante Barbara sagt, sie sind alle mit demselben Mann verheiratet – das geht doch gar nicht...“.

Im ersten Moment schluckte ich. Das war eine heikle Situation, bei der ich mit Fingerspitzengefühl vorgehen und viel erklären musste.

„Ich glaube, deine Tante meinte, dass alle Nonnen, die in den Orden eintreten, ein Gelübde ablegen und so eine Braut vom lieben Gott werden.“

„Mama, das geht doch gar nicht, der liebe Gott kann doch nicht so viele Frauen haben“, erklärte mir mein Sohn nun altklug.

„Mein Schatz, der liebe Gott ist der einzige Mann, der so viele Frauen hat.“

„Das ist aber unfair Mama. Du sagst immer man soll gerecht sein.“

Na wurderbar“, dachte ich. „Mit ihrer unbedachten Äußerung hatte meine Cousine ja so einige Überlegungen bei meinem Sohn in Gang gesetzt, was ich nun ausbaden musste.

Während ich noch nach den richtigen Worten suchte, hellte sich plötzlich das Gesicht von meinem Kind auf.

„Mama, weißt du was?“ Mit bangem Gesicht erwartete ich seine nächste kindliche Idee.

„Wenn ich groß bin werde ich Nonnerich, dann sind die Nonnen auch nicht mehr traurig....“

 

Dorothea Möller