Vielschichtig

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Genre: 
Kurzgeschichte

Sie sitzt da. Ihr Gehirn rattert. Warum habe ich bloß wieder nichts gesagt? Gesagt?

Aber was ?

Kann ich ihn überhaupt erreichen?

 

Es ist wie ein Sog. Er löst tief in ihr drin etwas aus. Etwas nie zuvor Gefühltes. Unbekanntes Terrain. Vielleicht gibt es dafür noch keine Worte.

 

Trotzdem. Sie muss es sich eingestehen. Trotzdem überaus seltsam.

 

Seltsam. Von der ersten Begegnung an. Und doch Unaufhaltsam. Schritt für Schritt sind sie an diesem Punkt angelangt. Genau da. Aber welcher Punkt ist das nun? Sie versteht es nicht. Auch ihn versteht sie nicht immer. Aber die Unbekannteste in dieser Gleichung ist sie selbst.

 

Kopf und Herz. Herz und Kopf.

„Ich hab mich den ganzen Tag auf dich gefreut“. Das Herz macht Luftsprünge. Der Kopf sagt: „Hör auf!“

 

Trotz allem haben sich ihre Wege gekreuzt.

Trotz allem finden sie im Gegenüber ein Stück von sich selbst.

Trotz allem findet sie noch keine Worte!

 

Das Gitarrenspiel. Innerlich schmilzt etwas. Wie Vanilleeis auf heißen Himbeeren.

 

Er denkt sich neue Namen aus. Für jede Situation eine andere Identität. Vielleicht wäre das eine Lösung. Aber sie spürt, sie bleibt die Gleiche.

 

Trotzdem dankbar und froh.

Trotzdem manchmal Angst.

Trotzdem verwirrend.

Trotzdem fühlt sie sich beschenkt.

 

Er hat sie in sein Leben gelassen. Behutsam und brutal. Schwerwiegend und zaghaft.

Rätselhafte Begegnung. Ein Sehnen und Suchen. Nähe und Distanz.

 

Alles fest im Griff? Wie kann man das Herz fest im Griff haben? Der Kopf findet Wege.

 

Er möchte sie zum Lachen bringen. Als wäre es ein Sieg. Sein Sieg. Sie fühlt sich geschmeichelt. Sie lacht gerne. Noch lieber lacht sie gemeinsam.

 

Ihre verrückten Seiten treffen sich gerne und gehen miteinander aus. Er mag sogar ihr „kopfloses Huhn“. Das Leben ist einmalig und kurz. Ungewöhnlich sein und auffallen darf sein. Wie wohltuend.

 

Und doch manchmal ein Gewaltakt.

Und doch ein anderes Mal liebevoll.

Und doch ist irgendetwas Unverständlich.

Und doch fühlt es sich so selbstverständlich an.

 

Und dann …

Und dann diese einsamen Tage. Rückzug. Gefühlschaos. Der Weg zueinander wie versperrt. Sie will schreien. Ihn schütteln. Wegholen von dort. Von wo?

 

Als wäre alles unwichtig.

Als wäre nichts etwas wert.

Als wäre nichts mehr möglich.

 

Soviel Unbekanntes inmitten des Vertrauten. Und soviel Vertrautes inmitten des Unbekannten.

 

Mitten im Schweren das Leichte finden. Eine fast unlösbare Aufgabe.

 

Kaum angekommen, biegt er wieder sofort scharf nach links ab. Wie soll sie jemals mit diesem Tempo mitkommen?

 

Radikal liegt ihm. Sie fühlt sich verletzt.

 

Sie weiß, dass er noch nicht anders kann.

Sie spürt, sein Ringen, an der Oberfläche zu bleiben.

Sie sieht sein Bemühen.

Sie erkennt seine Zuneigung.

 

Seine Stimme am Telefon: Kannst du damit leben?


Und wieder fehlen ihr die Worte.

Und wieder möchte sie ihm Raum und Zeit überlassen.

Und wieder spürt sie die Enge in der Brust.

Immer wieder hallte es durch ihren Kopf: NEIN!

 

Jedoch still im Außen. Sie hält die Luft an. Sie beißt sich auf die Lippen. Wartet.

 

Marie?

Hoffnung durchzuckt sie. Es gibt Hoffnung.

 

Irgendwo schwebt der Engel der Zuversicht herum. Er strahlt in den leuchtendsten  Farben. Er wärmt sie, wie die Sonnenstrahlen. Leuchtet mitten ins Herz.

 

Berührt sitzt sie da. Spürt die Verbundenheit.

 

Zwei Seelen.

Verwandt.

Zugewandt.

Seelenfroh.

 

 
Im Wartesaal der Gefühle.

Berührung, eher wie zufällig.

Absichtlich, unabsichtlich?

Jedoch Erwartungsvoll.

 

Er will Kontrolle. Sie will Kontrolle. Ein Dilemma ohne Worte. Ein Ringen ohne Sieger. Bei diesem Spiel gibt es nur Verlierer.

 

Langsam, aus irgendeiner Ecke, kommt die Wut gekrochen. Zuerst ganz unbeholfen und unerkannt, später dann leidenschaftlich.
Übertrieben? Wer oder was ist übertrieben?

Sie mutet es ihm zu. Ist sie deswegen eine Zumutung?

 

Gedanken schlagen Purzelbäume. Sie erwischt sie nicht.

Ich soll nicht … darf nicht … bitte … er soll …warum …  Erlösung kann nur in ihr selbst entstehen. Sie findet die Richtung nicht.

 

Wiederannäherung. Achtsam. Bruchstückhaft. Ängstlich. Hoffnungsfroh. Heilfroh.

 

Viele Gefühle.

Wohin damit?

Aushalten? Einhalten? Innehalten?

Halten. Im Innen und im Außen.

Festhalten am Glauben.

An ihn. An sich. An das Gemeinsame.

Die Verschiedenartigkeit anerkennen.

Er ist einzigartig. Sie ist einzigartig.

 

Zwei Welten.

Im Vakuum er und sie.

Sein dürfen.

Es muss nicht verstanden werden.

Der Verstand ist trügerisch.

Das Herz weiß Bescheid.

 

Geduldsfäden spinnen. Daraus kann ein tragbares Netz entstehen.

Aufgefangen werden.

Geborgenheit zulassen.

Lassen.

Auslassen und Einlassen.

 

Miteinander spazieren. Nebeneinander sitzen. Umeinander reden. Aufeinander zugehen.

Einander vertrauen.

 

Wortlos. Im Irgendwo der Gedanken. Freischwebende Gefühle.

Viele Hindernisse auf dem Weg.

 

Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.

Eine Frau auch.

 

Gemeinsame Meinung. Getrennte Meinung.

Eine Sicht. Zwei Sichten. Einsichten.

 

Tiefsinnig. Niemals unsinnig.

Mit allen Sinnen durch die Welt gehen.

Dankbar jauchzt ihre Seele.

 

Herausfinden. Von wo heraus? Und was finden?

Eine einzige Antwort? Unmöglich.

Alles ist vielschichtig!