Schattendasein

Bild des Benutzers Kritische Ameise
Altersfreigabe: 
ab 12 Jahre
Genre: 
Kurzgeschichte
Kategorie(n): 
Horror

Zitternd vor Angst duckte sich das Bündel auf den Boden und kroch noch tiefer in den nahegelegenen Dornenbusch. Die Stiche von den scharfen Dornen spürte das Wesen kaum.
Gehetzt blickte das Wesen um sich und wagte sich kaum zu bewegen. Kalt fand der feuchte Nachtwind seinen Weg durch die Lücken der Dornenblätter und schlug dem Gepeinigten gierig ins Gesicht. War sein Versteck sicher? Stockdunkel war die Nacht. Weder der Mond noch die Sterne spendeten etwas Licht.

Gespenstisch wirbelte der kalte Herbstwind Laub und Nebelschleier durcheinander. Es war keine Nacht, in der man sich wohl fühlte. Man spürte die Gefahr in jedem Knochen.

Das Knacken eines Astes ließ das Wesen zusammen zucken. Hatten sie ihn entdeckt? Die Schmerzen missachtend duckte es sich noch tiefer in den Busch. Dann wagte es sich nicht mehr zu bewegen. Sie hatten es gefunden. Eine besonders starke Windböe fuhr vor ihm in den Nebelbausch und riss ihn für einen Moment auseinander. Da waren sie! Tiefdunkel gekleidet, dunkler als die Nacht, kamen sie auf das Wesen zu. Schwenkten drohend ihre Fackeln. Blass wurden ihre Gesichter von den zuckenden Feuern beleuchtet. Aber selbst das Licht der Fackeln wurde von der Dunkelheit verschluckt. Als würde die Nacht ein lebendiges Wesen sein und alles Licht verschlingen wollen. Immer näher kam die Gruppe. Dann waren sie da und es blickte direkt in das Gesicht des Feindes.

*

Wimmernd vor Angst kroch das Wesen aus dem Busch hervor. Es war kurz vor Sonnenaufgang und das Wesen hatte es überstanden. Nicht ganz. Aber noch ein kleines Stück und es war in Sicherheit. Sicherheit? Sicherheit gab es in diesen schrecklichen Tagen nicht. Es musste sich etwas ändern, es musste etwas unternehmen. Doch was? Geschwächt und mit zittrigen Beinen stand es auf und rannte schwankend weiter den Berg hinauf. Weg von den Verfolgern. Diesmal hatte es noch Glück gehabt und sie hatten ihn nicht entdeckt. Aber wie lange noch? Mühsam und mit letzter Kraft erreichte es die Höhle.
Noch einmal drehte es sich um und schaute nach unten in das Tal, wo das Dorf lag. Tageslicht kroch am Horizont lauernd in die Dunkelheit. Wimmernd brach es zusammen.

*

Hilfreiche Hände streckten sich aus der Höhle, fingen es auf und zogen es in Sicherheit in die Höhle und zurück in tiefe Dunkelheit. Tief trugen sie es in die Höhle. Als kein Tageslicht mehr diese Tiefe erreichen konnte, legten sie es sanft auf den rauen Boden.

„Lebt er noch?“, fragte dumpf eine weinerliche Stimme aus dem Hintergrund. „Wir werden es gleich wissen“, grummelte eine bassbetonte Stimme zurück. Kurz erklang aus dieser Richtung ein Zischen und ein klacken, dann wurde die Dunkelheit durch Fackelschein durchbrochen. Schnell waren weitere Fackeln angezündet, die den Raum in eine kalte Helligkeit tauchten. Doch man merkte das Aufatmen in der kleinen Gruppe. Auch sie waren froh, ein wenig Helligkeit zu bekommen. Nichts konnte sich nun mehr in ihrer Nähe verstecken, ohne dass sie es bemerkten.

Erschrecktes Gemurmel ertönte, als die Gruppe das schmutzige und durchnässte Bündel erblickte. Als Sambira sich über diese jämmerliche Gestalt beugte und das Ausmaß der Tragödie erkannte, wurde sie noch bleicher.

„Schnell, bringt ihm eine Schüssel Blut, es geht ihm gar nicht gut.“

Ungeduldig schaute sie den davoneilenden Vampir nach. Schon bald kam der Vampir mit einer Schüssel, in der eine rote Flüssigkeit schwappte,  zurück.

„Es ist zwar nur Wurmblut, aber ich hoffe es wird reichen.“

Sie nickte ungeduldig und riss ihm die halb gefüllte Schüssel aus den Händen und setzte sie dem angeschlagenen Vampir an die Lippen. Gierig trank dieser.
 
Sambira blickte Chocker besorgt an und traurig blicke er zurück.

„Graf  Winkelzahn haben sie geschnappt als er versuchte, einem Hasen das Blut auszusaugen“,  berichtete er. Man sah ihm an, dass es ihm Mühe bereitete zu sprechen. Seine Stimme zitterte als er weiter sprach. „ Ich konnte gerade noch  entkommen, musste aber mit ansehen, wie sie ihn verbrannten. Dann haben sie mich verfolgt. Ich konnte mich verstecken, aber was für eine Schmach. Das darf nicht so weiter gehen. Die Zeit ist nun gekommen;  wir müssen die Revolution  der Vampire wagen. Jetzt oder nie.“

*

Sie sannen auf Rache. Sie schickten die Vampirtauben los, die die Botschaft an die übrig gebliebenen Vampire auf der ganzen Welt verbreiten sollten. Da die Tauben nur in der Nacht fliegen konnten, dauerte es eine Weile, bis sie an ihren Bestimmungsorten eintrafen. Doch als sie ankamen, versetzten sie die Vampire in helle Aufregung. Sie bereiteten sich zum Gefecht vor. Die Botschaft hatte folgenden Inhalt:

Vampirbrüder verzagt nicht und beugt euch nicht dem respektlosen Gemetzel der Menschen. Sie haben keine Ehre. Wir müssen die Macht, die wir einst über die Menschheit hatten, wiedererlangen. Koste es, was es wolle. Unsere Parole, unser Schlachtruf,  heißt: Kampf bis zum letzten Zahn. Hackt,  was der Zahn aushält.

*

Chocker führte sieben Vampire zur Schlacht an. Sie stiegen hinab ins Dorf, um Rache zu nehmen und um ihre Überlegenheit zu beweisen. Da sich die Höhle, wo sie sich versteckten und in der erbärmliches Leben führten, in 2000 Meter Höhe befand, dauerte es eine Weile, bis sie im Dorf ankamen. Als sie sich dort einfanden, war es bereits weit hinter Mitternacht. In diesem Dorf  gab es noch kleine, schmale Gassen, in denen überhaupt kein Licht existierte. Mit missbilligendem Blick registrierte Chocker, dass seine Begleiter diese Stellen meideten. Ja, sie hatten sogar Angst, in deren Nähe zu kommen, denn es könnte ja ein Mensch dort lauern. Er hielt  mit seinen Schritten inne, um sich seiner bescheidenen Streitmacht zuzuwenden und  eine Rede zu halten.

„Also, meine Herren Vampire“, begann er, „so geht es nicht weiter. Es geht einfach nicht an, dass wir, die Geschöpfe der Nacht, Angst haben vor der Dunkelheit und uns in die Hose machen, wenn wir nur den Schatten eines Menschen sehen.“
Er machte eine Pause und bemerkte, wie alle Vampire beschämt zu Boden blickten.

„ Es ist geradezu deprimierend, wie wir die Macht, die wir auf dieser Welt hatten, verloren haben. Ja, wir werden sogar gedemütigt. Kommt mit, ich will euch etwas zeigen, was ich gestern Nacht gesehen habe.“

Sie schritten tiefer in das Dorf hinein und hielten an, als Chocker auf ein großes Plakat zeigte, das an einer freien Wand eines Hauses befestigt war. Dieses Plakat zeigte einen Artgenossen, der zähnefletschend auf einen ängstlichen Menschen zukam. Stolz ruckten die Vampirköpfe in die Höhe, als sie das sahen. Doch dass sie einem Irrtum aufgeschlossen waren, machten ihnen Chocker gleich klar.

„Bevor ihr wie aufgeschreckte Hühner stolz durch die Gegend gackert,  lest erst einmal, was auf dem Plakat steht.“

Kommt in das Land der feigen Vampire. Wer die meisten Vampirzähne innerhalb einer Woche zusammenjagt, der bekommt den goldenen Vampirzahn!

„Die Menschen machen sich einen Spaß daraus,  uns zu jagen. Ein Volkssport hat sich daraus entwickelt, uns zu hetzen und zu vernichten. Kommt, wir werden den Anfang machen und Rache nehmen.“

*

Dunkelheit floss um alte, vermoderte Grabsteine und bedeckte den Friedhof mit einer dunklen Nachtdecke. Geräuschlos schlichen zwei Gestalten zischen den Gräbern und schauten sich suchend um.
 
Zwei Vampire im Netz der Nacht. Unruhig schaute sich der eine Vampir jeden Grabstein genau an. Sein Begleiter starrte in die Dunkelheit. In seinem verschrumpelten Gesicht regte sich ein nervöses Zucken. Konnte das nicht schneller gehen?

„Hier“, sagte sein Begleiter, „hier muss es sein.“ Er deutete auf eine Krypta vor ihnen. Vorsichtig betraten sie die Gruft. Erneut machte der Vampir sich auf die Suche und untersuchte jede Inschrift an der Wand. Doch die Zeit verstrich. Das Gesuchte wurde nicht gefunden.

„Komm, beeile dich“, sagte der Vampir mit dem verschrumpelten Gesicht mit zittriger Stimme. „He, ich kann nicht zaubern. Nur meine Großmutter war eine Hexe, nicht ich“, sagte sein Begleiter.  Kein Mond erhellte die Nacht und kalter Nebel schlich wie bleiches Gebein durch die Gegend auf der Suche nach neuen Opfern. Seit einer halben Stunde suchten sie diese Gruft nach einem Geheimraum ab ohne jedoch etwas gefunden zu haben.

„Ich habe es“, sagte der Vampir plötzlich, dessen Großmutter eine Hexe war, „ hier muss Draculas Grab sein“. Er drückte einen versteckten Knopf und eine steinerne Tür öffnete sich vor ihm. Sie blickten in einen Raum, in dessen Mitte ein Sarkophag stand, dessen Platte sich langsam beiseite schob.

„Ihr wagt es, euren Fürsten zu stören?“, hallte es dunkel, nicht wirklich erfreut, aus dem Inneren des Steingrabes.

„Ja, Herr“, sagte der Untote mit dem faltigen Gesicht, „wir brauchen deine Hilfe.“

„Hilfe? Ich bin froh, dass ich gerade keine Bandwürmer habe und ihr wagt es,  mich in dieser Zeit um Hilfe zu bitten? Ich war froh, dass ich etwas schlafen konnte und überhaupt; in dieser schlechten Zeit habe ich keine Lust, meine Hufe zu schwingen. Ihr könnt ja meinetwegen ein wenig zu Gott beten, vielleicht erhört er euch. Aber ICH will schlafen. Gute Nacht“

Damit schloss sich der Grabdeckel wieder und es wurde totenstill in der Gruft.

*

Sie waren gerade in eine Küche eingedrungen und Chocker wurde gerade von einem Mitstreiter aufgeklärt, dass die Hälfte eines Arms das Viertel eines Körpers sei und Chocker antwortete darauf, dass er den Shining-Complex hätte, als die Tür zum Wohnzimmer aufging und ein Mann herein kam. Staunend blieb der Mann stehen, als er die Vampire erkannte.

„Ihr traut euch noch hierher? Na, das nenn ich mutig.“

Er hielt sich den Bauch vor Lachen als er Chockers angefaulten Zähne blecken sah. Vor Lachen taumelte er ins Wohnzimmer und hatte bald keine Kraft, mehr auf den Beinen zu bleiben und legte sich schreiend  vor Lachen auf den Boden nieder. Die Vampire folgten zögernd.  Der Mann lachte, lachte und lachte, bis er nicht mehr konnte; denn er war tot.

Er hatte sich tot gelacht.

Die Vampire wussten nicht, ob sie Stolz sein sollten, dass sie nach langer Zeit wieder einen Menschen umgebracht hatten, oder, ob sie sich schämen sollten, weil sich jemand über sie tot gelacht hatte. Schweigend starrten sie erst auf die Leiche, dann sich gegenseitig an. Keiner brauchte etwas zu sagen. Keiner würde je über diesen Vorfall in dieser Nacht sprechen und jeder würde dieses Geheimnis bis hin zum Verfall zu Staub wahren. Doch eins sollte es bewirken. Langsam und genussvoll zogen sie die Oberlippe nach oben. Spitze Hauer kamen zum Vorschein. Der Hass loderte in ihren Augen und in dieser Nacht waren nicht die Vampire die Opfer. Kein Dorfbewohner überlebte.

Es war die Nacht der Auferstehung. Die Auferstehung der Vampire.