Herzen hopsen nicht

Bild des Benutzers Marcus Wächtler
Altersfreigabe: 
ab 12 Jahre
Genre: 
Exposé / Leseprobe
Umfang: 
13 DIN A4 - Normseiten
Kategorie(n): 
Liebe und Romantik

Als DJ hat es Finn in der ältesten und erfolgreichsten Diskothek der Stadt relativ leicht. Fast an jedem Wochenende lernt er neue Frauen kennen. Nur leider ist für ihn nie die ›Richtige‹ dabei. Schon seit Jahren ist Finn auf der Suche nach dem Gefühl, das er als Jugendlicher verspürt hat. Damals hat sein Herz deutliche Zeichen gegeben, sobald ›die Richtige‹ vor ihm stand. Vielleicht gelingt es ihm in dieser Nacht, dieses Gefühl noch einmal zu erleben? Kaum dass er aber den Club betritt, lenken ihn die Ereignisse von seiner eigentlichen Arbeit und seiner Suche ab.

Herzen hopsen nicht

Donnerstag, 31. August – der Tag zuvor:  »Ach komm, du weißt genau, wie ich das meine«, sagte Finn zu Katie, bevor er in eine Verteidigungshaltung überging. »Was kann ich denn auf einmal dafür? Ich versuche doch nur, ehrlich zu dir zu sein. Hätte ich dich stattdessen anlügen sollen? Willst du etwa, dass ich dir etwas vormache? Ich begreife schlichtweg nicht, was nun schon wieder daran falsch seinsoll.« »Was daran falsch ist?«, schmetterte sie die Worte übergangslos zurück. »Hast du sie noch alle? Du machst mit mir gerade Schluss, und fragst mich auch noch, was daran verkehrt sein könnte? Ich glaube, ich bin im falschen Film. Wie um alles in der Welt kann man nur so zurückgeblieben sein? Vor allem mir auch noch solche Fragen zu stellen. Ich begreif das nicht. Habe ich mich wirklich derart in dir getäuscht?« »Was verstehst du denn nun schon wieder nicht?«, versuchte Finn, ein wenig Sprengstoff aus dem Thema zu nehmen.


So geladen wie Katie in dem Augenblick auf ihn wirkte, empfand er
zum Teil gehörigen Respekt vor der Frau. Entsprechend suchte er nach
einer Möglichkeit, das Gespräch nicht allzu sehr hochzukochen. Vielleicht
würde es funktionieren, wenn er das Thema totredete, dachte er bei sich
selbst. Das hatte bereits einmal bei einer Ex geklappt, rief er sich in
Erinnerung. Sie redeten damals so lange miteinander, bis sie es von sich
aus einsah, warum es richtig war, die Beziehung zu beenden. Eventuell
würde das mit Katie ja auch funktionieren – hoffte er zumindest. Schaden
konnte es jedenfalls nicht. Im Reden war er eigentlich immer recht gut
gewesen.
Mehr noch, Finn hielt sich für einen sehr eloquenten Menschen. In
den meisten Situationen entsprach es eher seinem Wesen, verschiedenste
Sachen auszudiskutieren, totzuquatschen oder in einem Gespräch zu
klären. Dementsprechend lief es auch in der Schule und dem Studium
ganz ähnlich ab. Klausuren, schriftliche Klassenarbeiten und das zentrale
Abitur waren ihm ein Graus gewesen. In der mündlichen Zwischenprüfung,
dem mündlichen Abitur und bei Vorträgen hatte er hingegen fortwährend
auf voller Linie geglänzt.
Aus dem gleichen Grund hatte er ebenso seine leidlichen Probleme
damit, wenn es darum ging, einen Liebesbrief zu verfassen. Stattdessen
entsprach so eine klärende Unterhaltung wie heute und hier vergleichsweise
eher seiner eigentlichen Wohlfühlzone. Das hieß jedoch nicht, dass
Finn diese Situation genoss – ganz im Gegenteil.
»Na, zwischen uns lief es doch ganz gut«, begann Katie stattdessen.
»Die letzten Tage und Wochen fand ich eigentlich recht schön. Wir haben
so viel Zeit miteinander verbracht und sind uns näher gekommen. Es ist ja
auch nicht so, dass ich das Gefühl hatte, ich wäre dir egal. Eher im Gegenteil.
Vielmehr warst du es doch, der stets versucht hat, etwas mehr daraus
zu machen«, betonte sie.
»Wieso nimmst du es mir auf einmal übel, dass ich probiert habe,
mehr Zeit mit dir zu verbringen?«, fragte er Katie gerade heraus.
»Was hat das damit zu tun?«, wollte sie im Gegenzug von ihm wissen.
»Mir ist es wichtig, mehr über die Frau zu erfahren, mit der ich meine
Tage verbringen will. Woher soll ich denn sonst wissen, ob du auch die
Richtige bist?«, erwartete Finn, fast schon provokativ, von ihr zu erfahren.
»Du hast dich regelmäßig darum gekümmert, dass ich mich wohlfühle.
Andauernd bist du mit neuen Ideen und Einfällen gekommen, was wir
unternehmen könnten. Du hast doch immer dafür gesorgt, dass es mir
während der gemeinsamen Zeit gut geht.« Emotionsgeladen sah Katie ihn
an.
»Und was war daran falsch?«, bohrte Finn nach, um das Thema vom
eigentlichen Schlussmachgrund wegzuführen.
»Na, du hast mir immer wieder zu verstehen gegeben, dass da eben
mehr war.«
»Wie habe ich denn das geschafft?« Jetzt war Finn neugierig.
»Zum Beispiel vor drei Wochen.«
»Vor drei Wochen? Was soll da gewesen sein?« So sehr er darüber
auch nachdachte, er wusste nicht, worauf Katie anspielte.
»Der Ausflug zum Spitzhaus. Du weißt doch ganz genau, worauf ich
hinaus will«, entgegnete sie.
»Du, ehrlich, ich habe keine Ahnung, was du mir damit sagen möchtest.
« Finn wusste tatsächlich immer noch nicht, was Katie von ihm wollte.
»Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass wir damit unsere Beziehung
auf eine andere Ebene gehoben haben.«
Er konnte sie nur mit großen Augen anblicken, mehr war er nicht in
der Lage zu entgegnen. Entsprechend führte sie ihre Behauptung weiter
aus.
»Pärchen gehen nicht einfach mal so zum Spitzhaus hinauf. Das ist
ein ganz besonderer Ort. Es gibt kaum einen romantischeren Aussichtspunkt
in Dresden und Umgebung. Du hast doch den Rundumblick selbst
gesehen. Oberhalb von Radebeul gelegen, ist es mit Abstand der beste
Punkt, um sich einen Sonnenaufgang über dem Elbtal anzuschauen.«
»Ja klar, das weiß ich. Deswegen bin ich mit dir auch da hinaufgestiegen.
Du sagst mir damit wenig Neues. Ich verstehe aber nach wie vor
noch nicht, worauf du genau hinaus willst. Was hat der Aussichtspunkt
mit unserer Beziehung zu tun?«
»Genau das!« Katie versuchte, ruhig zu bleiben. »Kein Mann steigt
einfach so mit einer Frau auf einen derart romantischen Ort hinauf, ohne
etwas damit zu bezwecken. Normalerweise steckt da immer irgendetwas
Bedeutsames dahinter. Für mich war es jedenfalls das Zeichen, dass da
mehr zwischen uns ist. Mir ist klar, dass Männer nicht gut über ihre
Gefühle reden können. Entsprechend dachte ich, du würdest es mir auf
diese Art sagen wollen.«
»Aber das war doch nur ein ganz normaler Ausflug«, versuchte Finn,
die Situation zu relativeren.
»Für dich vielleicht!«
»Was hätte es denn sonst sein sollen?«, fragte er deswegen nach.
»Für mich war es eben mehr«, stellte Katie fest. »Du hast mir etwas zu
verstehen gegeben. Wenn schon nicht mit Worten, hatte ich gedacht, dass
du sagen willst – los, jetzt versuchen wir es richtig miteinander.«
Für Finn war das Ganze nur schwer nachzuvollziehen. Eigentlich war
es für ihn wirklich nur ein beliebiger Ausflug gewesen. Egal was die Menschen
auch von ihm dachten: Er wusste, wie Frauen ticken und funktionieren.
Entsprechend war er sich der Wirkung eines Sonnenaufgangs an
einem derart romantischen Aussichtspunktes durchaus bewusst.
Dass Katie allerdings so viele Erwartungen und Hoffnungen in diesen
Ausflug gesteckt hat, war ihm nicht klar gewesen. Prinzipiell stellte dieser
Tag für ihn eher die letzte Chance dar, zum Ende hin vielleicht doch noch
tiefere Gefühle für Katie zu entwickeln. Finn hatte darauf gehofft, dass bei
einem innigen Kuss sein Herz letztlich doch noch beginnen würde, endlich
vor Liebe loszuhopsen.
Bei solchen Aktionen lernte er am ehesten etwas über die jeweilige
Partnerin. Für ihn war es wichtig, schon am Anfang herauszufinden, ob
man zusammenpasste oder eben nicht. Entsprechend versuchte er oft,
sich in den ersten Tagen und Wochen darüber bewusst zu werden, ob sie
die Richtige für ihn wäre oder eben nicht – so auch bei Katie.
Ihre Stimme riss ihn erneut aus den Gedanken.
»Wie aus heiterem Himmel kommst du aber her und eröffnest mir,
dass du vorhast, die Sache zu beenden. Ich kapiere das nun einmal nicht
so ohne weiteres. Was war denn an uns so schlecht, dass du alles ohne
Umschweife in den Müll werfen willst? Bin ich dir nicht gut genug? Hast
du eine andere, oder was soll die ganze Sache hier?«, hakte sie scharf nach.
»Ich will wissen, was du dir dabei gedacht hast!«
Finn sah ein, dass seine Taktik diesmal wenig bringen würde.
»Na ja, was soll ich sagen«, begann er weiter auszuholen. »Nein, eine
andere gibt es selbstverständlich nicht. Es ist trotzdem alles nicht ganz so
einfach, wie du es dir vielleicht denkst. Wir sind nun schon seit vier Monaten
zusammen. Eigentlich ist es sogar recht nett, aber es fehlt halt irgendwas
Bestimmtes. Ich kann auch nicht richtig erklären, was es ist. Da ist so
etwas Unbestimmtes, eine Art Leere, ein Stück oder ein Teil, was nicht
wirklich stimmt oder passt.«
»Ich habe keine Ahnung, was du damit meinst«, zeigte sich Katie fassungslos.
»Wieso fällt dir das ausgerechnet heute ein? Hättest du mit
deinen Bedenken nicht ein wenig eher kommen können? Ich meine, ich
habe angefangen, unsere gemeinsame Zukunft zu planen. Ich dachte, dass
es etwas mehr wird zwischen uns. Verstehst du? Ich hab begonnen, dich
zu lieben!« Ihre Worte gingen in ein Schluchzen über.
Das war genau das Thema, auf das Finn hinauswollte. Dabei ignorierte
er die Situation, dass sich Tränen in den Augen der frischen Ex35
Freundin bildeten. In seinem jetzigen Zustand war ihm dies leidlich egal.
Frauen heulten im Prinzip immer, wenn es darum ging, eine Beziehung zu
retten.
In der Regel weinten auch Männer, wenn ein Partner oder eine Partnerin
mit ihnen Schluss machte. Allerdings taten sie das allein und für sich
selbst. Finn glaubte mittlerweile, dass es nur eine Strategie des weiblichen
Geschlechts darstellte, um letztlich doch noch zu gewinnen. Es gab
bestimmt genug Männer, die sich durch Tränen erweichen ließen. Eventuell
waren es aber auch nur ihre verletzten Gefühle, die sich einen Weg
nach draußen suchten. In jedem Fall war es nach dem Schlussmachen
nicht mehr seine Angelegenheit.
»Und genau das meine ich. Das ist ja gerade das Problem. Ich glaube,
dass ich dich eben nicht liebe«, setzte er an Katies Worte an.
»Was willst du mir damit sagen?«, reagierte sie mit schon schrillerer
Stimme augenblicklich auf seine Worte. »Hast du mir etwa in den letzten
vier Monaten irgendwas vorgespielt? Was waren die ganzen Momente,
Abende und Nächte sonst für dich?«
»Nein, natürlich nicht«, versuchte Finn zugleich, die vorherige Aussage
zu relativieren. »Ich mag dich wirklich. Ich mag dich sogar sehr. Nur
leider ist da eben nicht mehr als das. Ich weiß nicht genau, wie ich es sonst
ausdrücken soll. Es fehlt letztlich irgendetwas. Es ist einfach auch nicht
mehr so wie früher.«
»Was meinst du nun schon wieder mit früher?«
»Naja, damals eben«, druckste er herum.
»Jetzt komm mir bitte nicht so! Du schuldest mir wenigstens eine vernünftige
Antwort!«
»Kennst du das nicht?«, fragte er deswegen zurück.
»Was soll ich kennen? Wieso druckst du hier so herum? Verdammt
noch mal – entweder du gibst mir eine richtige Erklärung oder du bist der
größte Vollidiot aller Zeiten!«, schmetterte sie ihm entgegen.
Gleichzeitig verschränkte Katie ihre Arme vor der Brust, um eine
gewisse Entschlossenheit zu demonstrieren. Sie beabsichtigte offensichtlich,
dieses Thema hier und jetzt komplett durchzukauen. Finn verfluchte
sich dafür, dass er mit dem Problem angefangen hatte. Eigentlich empfand
er es als zu privat, als dass er vorhatte, es mit Katie zu erörtern. Obwohl
sie seit vier Monaten ein Paar waren, hatte er sich ihr gegenüber nie wirklich
geöffnet. Umso verfahrener war die Situation, dass er es heute an
diesem letzten Tag doch noch tun müsste. Egal ob er wollte oder nicht –
er war nun gezwungen, die Angelegenheit aufs Genauste darzulegen.
»Ich weiß nicht genau, wie ich es erklären soll«, begann er deswegen
weiter auszuholen. »Früher war die Liebe irgendwie anders. Bei meiner
allerersten Freundin damals – dieses Gefühl. Verstehst du, was ich
meine?«
Ziemlich ratlos blickte ihn Katie weiterhin an. Anscheinend wusste sie
nicht, worauf er eigentlich hinauswollte. Dabei war es doch so simpel,
stöhnte Finn innerlich auf. Ihm fiel es nur schwer, seine Gedanken in
Worte zu fassen. Er versuchte es tapfer weiter.
»Na, ich meine das Gefühl, was ich damals empfunden habe. Dieses
besondere … Du kannst mir doch nicht erzählen, dass du nicht weißt,
wovon ich eigentlich spreche. Jeder von uns hat das doch schon einmal
verspürt. Ich kann nicht glauben, dass du so tust, als würdest du nicht
wissen, was ich meine«, machte er ihr Vorwürfe.
»Dann sag doch endlich, was dir auf der Zunge liegt«, gab sie ihm die
Chance, sich doch noch irgendwie aus dem Dilemma zu befreien.
»Es ist einfach so, dass mein Herz bei dir nicht hopst!«, platzte es aus
Finn heraus.
Perplex blickte Katie ihn für ein paar Sekunden lang an. Nachdem sie
sich gefangen hatte, gruben sich mehrere tiefe Furchen in ihre Stirn.
»Hopsen? Was zum Teufel meinst du mit Hopsen?« Katie stand
daraufhin kurz davor zu platzen. Was sollte sie mit dieser Aussage auch
anfangen?
»Na, das Gefühl eben. Bei meiner ersten Freundin war es jedes Mal
so, als wenn mein Herz aus der Brust springen würde, sobald wir uns
sahen. Bei dir ist es eben nicht so«, sprach er es endlich aus. »Verstehst du
mich jetzt? Es wäre mir wichtig, dass du mir folgen kannst.« Mittlerweile
bettelte Finn sie förmlich an. »Es geht hier schließlich um ganz private
Dinge, die ich sonst nicht ohne weiteres preisgebe.«
Mit hoffnungsvollem Blick wartete er auf eine Reaktion von Katie.
Sehr zu seinem Verdruss blieb diese leider aus. Bis zu dem Moment hatte
er immer noch gehofft, sich irgendwie aus dem Dilemma befreien zu
können. Sich in dieser Weise gegenüber Katie zu öffnen, entsprach seiner
Meinung nach nicht dem Grad einer Beziehung nach vier Monaten. Derartige
Dinge war er maximal nach zwei oder drei Jahren bereit, einer Partnerin
anzuvertrauen.
»Ich suche jenes Gefühl von damals. Es sollte so sein wie früher. Es
hat sich zu jener Zeit komplett anders angefühlt. Es war irgendwie größer,
bunter und intensiver. Es war einfach so viel mehr als das, was wir beide
im Moment haben. Ich kann dir nicht genau beschreiben, worauf ich
hinaus möchte. Was ich allerdings weiß, ist, dass ich mehr will als das
hier.«
Er war lange genug ruhig geblieben, stellte Finn für sich fest. Wenn
sie es darauf anlegte, konnte er genauso gut die Konfrontation suchen.
Eigentlich hatte er vorgehabt, sich friedlich und einvernehmlich von Katie
zu trennen. So wie die Situation sich jedoch in dem Moment entwickelte,
würde es zu einem ordentlichen Streit führen, wurde ihm immer bewusster.
Er fragte sich, warum Frauen im Allgemeinen nicht in der Lage waren
zu akzeptieren, dass Männer plötzlich den Schlussstrich zogen. Immerzu
versuchten sie, mit Gerede doch noch irgendetwas zu reparieren oder zu
kitten, wo nichts mehr zu retten war. Dabei war der Drops gelutscht. Finn
hatte schlichtweg keinen Bock mehr auf all das hier. Es brachte ihm
nichts, darauf zu warten, dass sich ein Gefühl einstellte, was sowieso nie
kam. Lieber zog er in dem Moment die Reißleine, als dass er sich weitere
Monate durch eine lauwarme Beziehung quälte. Für ihn war so ein präziser,
schneller und einfacher Schnitt stets die bessere Lösung als der quälende
und beliebige Alltag.
Anscheinend hatte er aber zu lange geschwiegen, denn Katie sah ihn
immer finsterer an. Deswegen ergriff Finn erneut das Wort. Obwohl er
aus seiner Warte heraus schon alles erzählt hatte, versuchte er abermals,
den Sätzen mehr Inhalt zu verleihen. Ihm war es klar, dass das ganze
Thema recht schwammig daherkam. Letztlich ging es jedoch um Gefühle
und den Umstand, diese in Worte zu fassen. Entsprechend war es problematisch,
den Sachverhalt der Gesprächspartnerin auch tatsächlich näherzubringen.
»Mehr kann ich dir bedauerlicherweise nicht sagen. Ich will dieses
Hundertausend-Volt-Gefühl, die Schmetterlinge im Bauch und den
Himmel auf Erden. Ich will schlichtweg, dass mein Herz aus der Brust
hopst. So leid es mir eben tut – bei dir ist es einfach nur nett.« Dieser
letzte Zusatz sollte jedoch nicht ohne Folgen bleiben.
»Aha, nett also!« Katies Stimme wurde daraufhin plötzlich eisig, kalt
und hart. »Merkst du es eigentlich noch? Nett ist der kleine Bruder von
Scheiße! So etwas haust du mir nach vier Monaten an den Kopf? Hätte dir
das nicht bereits schon viel eher einfallen können? Ich meine, hallo! Wir
sind sogar schon zusammen nach Hamburg gefahren. Wir sind romantisch
an der Alster entlang flaniert. Wir haben uns gemeinsam Sonnenuntergänge
angesehen. Du bist obendrein mit mir in ein Musical gegangen.«
Katie holte kurz Luft. »War dir denn nicht schon ab der zweiten Woche
klar, dass du und dein verkrüppeltes Herz nicht irgendwohin hopsen? Ich
versteh generell nicht, worauf du eigentlich hinauswillst. Für mich ergeben
deine ganzen Erklärungen wenig Sinn. Was soll unsere Beziehung mit
irgendwelchen ehemaligen Verflossenen zu tun haben? Das Einzige, was
ich mitbekommen habe, ist, dass du ein verdammter Idiot bist!«, schrie sie
ihn nunmehr lauthals an.
Augenblicklich zuckte Finn zusammen. Im Prinzip hatte sie mit ihrer
Einschätzung ins Schwarze getroffen. Schon nach der ersten Nacht ist
ihm bewusst gewesen, dass sie nicht die Richtige war. Er hatte nur gehofft
und gebetet, dass sich das noch ändern würde. Letztlich war Katie eine
echt tolle Frau. Der Körperbau nicht zu verachten, im Bett praktisch eine
Granate und im Köpfchen auch nicht zurückgeblieben.
Nur leider hatte das letzte Quäntchen gefehlt. Eben, dass beim ihm
nichts hops gemacht hatte. Genau dies war aber das Wichtigste für ihn.
Was nützte es, wenn er die Frau nur als nett, hübsch und sympathisch
empfand. Ohne die tiefen Gefühle war die Beziehung von vornherein
dazu bestimmt, an irgendeinem Punkt zu scheitern. Entsprechend hielt er
seine Entscheidung, die Geschichte vorzeitig zu beenden, für die einzig
Richtige.
»Du blöder Wichser!« Katie wurde zunehmend ungehaltener. »Ich
habe dich nah an mich herangelassen. Und wofür das alles? Damit du mir
hinterher sagst, es wäre ja alles ganz nett gewesen? Nur eben, dass dein
verkrüppeltes Herz nicht richtig mitspielen will. Du bist so ein richtiger
Idiot, weißt du das?«
Dies war der Moment, als Finn beschloss, das Gespräch samt Beziehung
zu beenden. Er hatte alles gesagt, was es zu sagen gab. Mehr würde
nur ihre und seine Zeit verschwenden. Er hätte das alles ja auch per WhatsApp
erledigen können. Etliche seiner Freunde bevorzugten momentan
diese Art der Konversation. Er wusste von mindestens zwei Fällen, die
ihre Freundinnen mit einer lapidaren Nachricht abgeschossen hatten.
Aber nein, Finn sah sich als einen Mann der alten Schule, der solche
Sachen von Angesicht zu Angesicht klärte. Als Dank dafür durfte er sich
nun von Katie aufs Äußerste beschimpfen lassen. Zum Glück hatte er
nicht mit dem ›Wir-können-ja-noch-Freunde-bleiben‹-Thema angefangen.
Wer weiß, wie Katie erst darauf reagiert hätte. Vielleicht sollte er es doch
darauf ankommen lassen, witzelte Finn im Stillen. Nun war sowieso alles
zu spät. Ihre Reaktion auf das ›Freunde-bleiben‹-Thema würde ihn eventuell
im Gegenzug noch den Tag versüßen.
»Hörst du mir überhaupt noch zu?«, drang Katie mit aller Macht
wieder in den Vordergrund seiner Wahrnehmung.
»Was? Ja, na klar, wieso denn nicht?«, reagierte Finn souverän. »Damit
wäre nun alles geklärt. Ich glaube, ich habe dir damit ausreichend dargelegt,
damit du meine Entscheidung verstehen, begreifen und akzeptieren
kannst.«
»Du bist so ein Riesenarschloch!«, warf sie ihm daraufhin an den
Kopf.
»Ja, das habe ich schon des Öfteren gehört«, entgegnete Finn selbstgefällig
auf die Entgleisung.
Zugleich begann sich ihr Gesicht zunehmend zu verfinstern. Finn
spürte, dass er zu weit gegangen ist. Eventuell war es doch nicht der richtige
Weg, Katie derart zu reizen. Eigentlich würde er sehr wohl noch mit
ihr befreundet bleiben wollen. Im Bett war sie außerdem eine Klasse für
sich. Sich die Möglichkeit weiterer Schäferstündchen zu verbauen, sah
Finn ganz und gar nicht ähnlich. Entsprechend galt es für ihn, Katie nicht
allzu sehr zu verärgern.
»Okay, hör mir bitte zu«, fing er deswegen mit seidiger Stimme an.
»Es ist meine Schuld. Mea culpa! Du kannst sehr gern alles auf mich schieben.
Es würde aber nichts bringen, wenn wir die Sache weiter in die Länge
ziehen. Ich glaube, so ist es am besten für uns beide. Ich mache dir doch
nichts vor. Es hat sich schlichtweg nicht so entwickelt, wie ich es mir
gewünscht hätte. Du bist eine tolle Frau, aber leider funktioniert das mit
uns beiden nicht wirklich. Du kannst jetzt sehr gern böse auf mich sein
und mich hassen. Das ist dein gutes Recht. Ich werde dich jedoch immer
mögen. Du bist ein bezauberndes Wesen. Deswegen hast du etwas Besseres
als mich verdient.«
Leicht verlegen versuchte Finn, einen besonders verletzlichen Eindruck
zu erzeugen. Natürlich hätte Katie nun jeglichen Grund, ihn zu
hassen. Wahrscheinlich würde sie das sogar auch tun. Finn wusste allerdings
ebenso, dass sie sich in ein paar Wochen wieder verstehen würden.
Wie erwartet war kein Anflug von Verständnis, Vergeben oder Vergessen
in Katies Augen zu sehen. Eiskalten und klaren Kristallen gleich
leuchteten ihre Pupillen in dem eigentlich recht hübschen Gesicht. Wäh42
rend Finn noch auf eine Erwiderung wartete, nahm er eine ungewohnte
Regung an Katie wahr. Er glaubte, eher Abscheu, Verachtung und Ekel
darin zu erkennen, denn irgendein positives Gefühl.
Zeitgleich verengten sich ihre Augen, der Mund wurde zunehmend
spitzer und ein gemeiner Ausdruck bildete sich in den Grübchen auf ihren
Wangen. Finn konnte gar nicht so schnell ausweichen, schon knallte ihre
flache Hand ohne Vorwarnung und mit voller Wucht in sein Gesicht.
Halbwegs würdevoll ließ er sich nicht anmerken, dass der Schlag durchaus
schmerzhaft intensiv ausgeführt worden war.
Diese Reaktion hatte er so ganz und gar nicht kommen sehen.
Eigentlich war er davon ausgegangen, dass sie sich verständigt hatten.
Finn begriff nicht, warum Frauen immer so überreagierten. Benahm man
sich als Mann wie der letzte Neandertaler, war es falsch. Versuchte man
hingegen, die Sache zu klären, erhielt man im Gegenzug eine gepfefferte
Backpfeife verpasst. In jeglicher Hinsicht war es egal, wie er reagierte. Er
war am Ende auf jeden Fall immer das Arschloch.
Zumindest hatte Finn aber die Beziehung erfolgreich beendet. Am
morgigen Tag würde er neuerlich im Downtown hinter den Reglern
stehen. Das bedeutete, dass er endlich wieder ohne schlechtes Gewissen
neue Frauen kennenlernen konnte.
Irgendwann würde er die Richtige finden, da war Finn sich sicher.
Irgendwann würde die Eine vor ihm stehen, nach der er schon so lange
suchte. Irgendwann würde sein Herz zu guter Letzt noch einmal zu
hopsen anfangen, wenn er die einzig Wahre fand.