Grüner Dresdner

Bild des Benutzers Marcus Wächtler
Altersfreigabe: 
Keine Altersbeschränkung
Genre: 
Exposé / Leseprobe
Umfang: 
366 DIN A4 - Normseiten
Kategorie(n): 
Krimi
Thriller

Ab 07. Dezember 2015 erscheint im Südwestbuch Verlag Stuttgart Dresdens erster richtiger Thriller (ISBN: 9783945769102) »Grüner Dresdner«. Angelehnt an den Großmeister der Unterhaltungsliteratur Dan Brown spielt die Handlung ähnlich actionreich, rätselhaft und voller Verschwörungen in der Dresdner Altstadt.

Prof. Dr. Heinrich von Urach wird im Dresdner Stadtschloss innerhalb der Fürstengalerie brutal ermordet. Sein letztes Lebenszeichen weiß einzig die junge Geschichtswissenschaftlerin Tina zu deuten. Es ist der Hinweis auf einen lang verborgenen Schatz, dessen Existenz eine uralte sächsische Geheimgesellschaft um jeden Preis zu bewahren versucht.

Ein mörderisches Duo ist jedoch ebenso hinter dem Diamanten her und heftet sich an die Fersen der Historikerin.

Es beginnt ein mörderischer Wettlauf mit Polizei, Geheimdienst, Killern und Verschwörern.

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Grüner Dresdner von Marcus Wächtler

Diesmal zog die junge Geschichtswissenschaftlerin ihren Begleiter über die Brücke, statt wie vor Stunden anders herum. Vor einigen Sekunden hatte sie einen genialen Geistesblitz an einem der Souvenirstände auf dem Dresdner Neustädter Markt gehabt. Tina war nun der Meinung zu wissen, wo sich ein Hinweis des ermordeten Professors bezüglich des Geheimnisses rund um den Grünen Dresdner versteckt hatte. Dazu war sie aber gezwungen, wieder zurück auf die Altstadtseite der Elbmetropole zu gelangen.

Ihr Begleiter Andreas ließ sich nur widerwillig mitziehen. Er vermutete die beiden irren Verfolger immer noch auf der linkselbischen Flussseite. Der intensive, traumlose und tiefe Schlaf, den Tina auf einer Parkbank genossen hatte, dauerte über zwei Stunden. Dass vor dem Schloss dieser Gideon und sein Helfer auf sie warteten, hielt sie für beinahe ausgeschlossen.

Viel wahrscheinlicher war die Möglichkeit, dass ihre Verfolger Dresden längst verlassen hatten. Als Tina mit Andreas im Schlepptau erneut den Theaterplatz betrat, zeugte nichts mehr von der Flucht und den Geschehnissen von vor zwei Stunden. Das Schloss ragte friedlich und ehrwürdig wie eh und je vor

ihnen auf. Die Touristenmassen schoben sich wie immer durch das schmale Georgentor in Richtung der Einkaufstempel der Innenstadt. Zudem überflutete warm strahlend die Sonne den historischen Platz. Linksseitig von ihr, direkt an den Georgenbau angrenzend, schloss

sich der weltberühmte Dresdner Fürstenzug an. Dieses über hundert Meter breite Fliesenwandbild war eines der Wahrzeichen von Elbflorenz. Jährlich standen weit über eine Million Besucher vor den zigtausend Porzellankacheln aus meißnerischer Produktion. Die Fliesen belegten dabei eine Fläche von über neunhundertfünfzig Quadratmetern und stellten somit das größte keramische Wandbild der Welt dar.

Tina eilte mit ihrem Begleiter an der Hand zum Ende des einzigartigen Kunstwerkes. Sie musste das Bild Stück für Stück abgehen, damit sie das fand, was sie suchte. Entnervt blieb Andreas plötzlich neben ihr stehen.

„Wieso sind wir schon wieder hier?“, fragte er Tina gerade heraus. „Ich war froh, als wir dem Schloss und unseren Verfolgern gerade so entkamen.“ Die Doktorandin beruhigte daraufhin ihren neuen Bekannten. „Nur keinen Stress. Ich hatte vor wenigen Minuten eine geniale Eingebung. Diese Wortfetzen, die Professor von Urach auf die Rückseite des Gemäldes geschrieben hatte, waren keine wirren Kritzeleien, wie wir zu Beginn annahmen. Es stellt viel eher einen lateinischen Spruch dar. Einen Wahlspruch, um ganz präzise zu sein. Genau genommen handelte es sich, wenn ich mich richtig erinnere, um das Motto eines der Kurfürsten. Zudem denke ich, dass es hier irgendwo auf dem Fürstenzug zu finden sein wird“, teilte die Historikerin ihm ihre Theorie mit.

„Tina! Meinst du wirklich, dass von Urach einen derart einfachen Gedanken hatte, während er starb? Ich kann mir gut vorstellen, dass einem Menschen  dabei ganz andere Dinge durch den Kopf gehen, denn der Dresdner Fürstenzug“, antwortete Andreas wenig überzeugt. „Warum vermachte der alte Professor das Motto eines der Kurfürsten als seine letzten Worte an die Nachwelt? Hier geht es doch angeblich um einen großen und versteckten Edelstein. In welchem Zusammenhang soll denn das bitteschön zu einem lateinischen Wahlspruch eines verstorbenen Regenten stehen?“, fragte Andreas sie gerade heraus.

Bevor es an ihr war zu antworten, zog eine Gruppe von Touristen laut quasselnd an ihnen vorbei. Die Fremdenführerin hatte dabei einen Schirm über ihrem Kopf erhoben, um der Gruppe hinter ihr zu signalisieren, wo sie sich befand. Tina belächelte in Gedanken das Klischee, was die gute Frau da darstellte. Wahrscheinlich war das aber die einfachste Art und Weise, mit einer Horde von Urlaubszombies umzugehen. Aus ihrer Zeit als Stadtführerin wusste Tina noch, wie idiotisch sich Menschen in einer Gruppendynamik verhielten. Der Gesamt-Intelligenzquotient nahm meistens proportional zur Personenanzahl ab. Je größer die Gruppe also war, desto sinnloser erschienen die Fragen, welche die Touristen ihr stellten. Zudem war es umso schneller möglich, einzelne Mitglieder des Stadtrundganges irgendwo zu verlieren.

Tina vernahm lauthals die Stimme der Tourismusbegleiterin, wie sie über die Einzigartigkeit des Fliesenbildes schwadronierte. „Das Wandfries zeigt die Ahnengalerie der herrschenden Wettiner zwischen den Jahren 1123 und 1904 in Kursachsen beziehungsweise dem Königreich Sachsen. Es sind genau fünfunddreißig mit ihren persönlichen Beinamen bezeichnete Könige, Herzöge, Markgrafen und Kurfürsten auf ihren Pferden. Zudem sind weitere  neunundfünfzig Soldaten, Händler, Gelehrte, Handwerker, Wissenschaftler, Bauern und Kinder auf den Porzellanfliesen zu sehen“, gab die Führerin die altbekannten Phrasen wieder. „In den Jahren von 1904 bis 1907 stellte die Meißner Porzellanmanufaktur über fünfundzwanzigtausend Keramikfliesen her. Diese, in einem besonderen und damals neu entwickelten Verfahren extra für dieses Wandrelief produzierten Kacheln, sind weltweit einzigartig.

Die speziell angefertigten Fliesen brannte die Manufaktur zu jener Zeit bei über eintausenddreihundert Grad Celsius. Danach überzogen die Arbeiter sie mit einer Farbschicht, um sie erneut gebrannt und fugenlos auf einen vorbereiteten Untergrundputz aufzubringen.“

Abermals war die Geschichtswissenschaftlerin versucht zu schmunzeln. Diesen Fehler beging ein Großteil der touristischen Führer in Dresden. Tatsächlich waren es weit über eintausend Kacheln weniger, als die gute Frau ihren Zuhörern weiszumachen versuchte. Die Zahl von fünfundzwanzigtausend Keramikplatten ergab sich aus der Tatsache, dass es eine Menge Probefliesen gegeben hatte, um das damalige neue Verfahren zu testen. Zudem benötigte der Künstler eine ausreichende Anzahl an Ersatzfliesen für alle Eventualitäten. Tatsächlich bestand der einzigartige

Reiterzug aus „nur“ knapp über dreiundzwanzigtausend quadratischen Porzellanplatten. Sie blickte Andreas plötzlich direkt an und fragte ihn gerade heraus.

„Wusstest du, dass der hier zu sehende Fürstenzug eigentlich der zweite seiner Art ist? Ursprünglich bestand das Kunstwerk aus einer Sgraffito Putztechnik, ähnlich der derzeitigen Restauration im Schlossinnenhof. Das 1876 eingeweihte Sgraffito war allerdings schon nach weniger als fünfundzwanzig Jahren in solchem Maß verwittert, dass es den Menschen nicht mehr möglich war, die einzelnen Kurfürsten auseinanderzuhalten.

Deswegen griffen die Verantwortlichen, um das Kunstwerk für die Ewigkeit zu erhalten, auch auf die Porzellanvariante zurück. Tatsächlich hat das Fries dabei, als eines der wenigen historischen Monumente in Dresden, die Bombennächte von 1945 unbeschadet überstanden“, dozierte Tina die Fakten vor sich hin.

„Ja, ja!“, blaffte Andreas sie leicht genervt an. „Aber was hat das alles mit dem Professor und unserem Rätsel zu tun? Ich verstehe es einfach noch nicht. Was glaubst du entdeckt zu haben? Und wieso ist ein Hinweis auf den Aufenthaltsort des versteckten Diamanten ausgerechnet

auf dem Fürstenzug, der von allen möglichen Menschen einsehbar ist, zu finden?“

„Nur die Ruhe“, erwiderte die junge Landeshistorikerin im Gegenzug. „Lass mich den Moment doch bitte kurz genießen. Ich bin mir sicher, wir finden hier einen versteckten Fingerzeig des Toten von Urach.“ Laut las Tina daraufhin das hintere der beiden verewigten Mottos auf dem Fürstenzug vor.

„Du alter Stamm, sei stets erneut in edler Fürsten Reihe, wie alle Zeit sein Volk dir weiht die alte deutsche Treue.“ Sie musste der Sprache wegen kurz schmunzeln. „Das trieft eigentlich schon vor Pathos. Meinst du nicht auch, Andreas? Es ist aber genau das, was ich suche. Es klingt genauso pathetisch wie auch der Spruch, welchen wir suchen“, stellte sie fest.

Tina lief den Fürstenzug von hinten nach vorn ab. Dabei versuchte sie sich an alle Personen zu erinnern, die auf dem gigantischen Wandfries zu sehen waren. Dies stellte auch eine der Aufgaben dar, welche sie in einem ihrer Einführungsseminare den Studenten aufgegeben hatte. Um dabei mit gutem Beispiel voranzugehen, hatte sie zwangsweise die dargestellten Persönlichkeiten ebenso gelernt. Am hinteren Ende des Bildes kam die sogenannte Schlussgruppe.

Diese stellten die eher unbedeutenderen beziehungsweise allgemein gehaltenen Sachsen dar. Unter anderem waren ein Schüler des Kreuzgymnasiums, Studenten der TU Dresden und Leipzig, der Architekt Hermann Nicolai, die Maler Peschel und Hübner, den Fürstenzugentwurf auf Papier in ihren Händen haltend, die Bildhauer Hähnel und Schilling sowie der Maler Ludwig Richter mit einer Kindergruppe zu sehen. Bemerkenswert stach dabei die Tatsache hervor, dass das kleine unbekannte Mädchen der Kindergruppe die einzige weibliche Person auf dem riesigen Kachelbildnis war.

Weiterhin folgten darauf mit Förstemann, Geheimrat Wiesner und Freiherr von Weißenbach drei wichtige Anhänger der damaligen Kunstszene der Residenzstadt. Als Letztes schlossen sich den vorstehenden achtundachtzig Personen der Maurer Kern, ein sächsischer Bergmann, ein Bauer, der Maurer Pietsch und schlussendlich der Fürstenzugschöpfer persönlich, Wilhelm Walther, den sächsischen Herrschern an. Während Tina den Fürstenzug in kleinen Schritten ablief und auf jedes Detail achtete, erzählte sie wie automatisch von weiteren Fakten des berühmten Dresdner Monuments.

„Wusstest du, dass der Fürstenzug eigentlich unvollständig ist? Abgesehen von den frühen Anfängen der Wettiner, fehlt auf der Ansammlung blauen Blutes auch der letzte Regent des sächsischen Thrones“, stellte die Historikerin fest. „Einem bösen Omen gleich war es Friedrich August zu Lebzeiten nicht vergönnt gewesen, sich auf dem Porzellangemälde zu verewigen. Keine fünfzehn Jahre nach Einweihung des Porzellankunstwerkes jagten ihn damals seine geliebten Dresdner aus dem Schloss. Aus diesem Grund geht der Reigen der Regenten auch mit Johann, Albert und Georg, statt mit Friedrich August III. los.“

Andreas erwiderte schon gar nichts mehr auf die oberlehrerhafte Art von Tina. Stumm schritt er neben der jungen Doktorandin einher und hörte ihr, sich in sein Schicksal ergebend, zu.

„Schön, dass dich das Thema so interessiert, Andreas. Ab hier wird es schließlich interessant. Es folgen die Könige Friedrich August der Gerechte, Anton der Gütige und Friedrich August II. Die Gruppe ergänzte der Künstler noch durch Friedrich Christian als letzten eigentlichen Kurfürsten. Das für uns Wichtigste steht aber über den Köpfen der vier Herrscher. Schau einmal ganz genau hin. Der Großteil der Besucher Dresdens übersieht schließlich auch die vielen kleinen Details an dem Großgemälde. Für uns sind im Augenblick aber gerade die Kleinigkeiten am wichtigsten“, spannte sie ihn auf die Folter.

Andreas kniff seine Augen zusammen, um zu erkennen, was Tina eigentlich meinte. Er suchte die Fliesen nach den Informationen ab, welche Tina postuliert hatte. Das tat er bis zu dem Zeitpunkt, als er plötzlich scharf ausatmend stehen blieb. „Da steht ein lateinischer Spruch über den Reitern“, sagte er zu Tina.

„Ganz genau!“, war ihre Antwort darauf. „Das Motto ‚Providentiae Memor‘, ‚der Vorsehung eingedenk‘, war der überlieferte Wahlspruch Friedrich August des Gerechten“, rezitierte sie das Wissen aus ihren Erinnerungen. Entgeistert blickte er die restlichen fünfzig Meter des Wandfrieses

entlang. Ohne auf Tina zu warten, rannte er die übrigen Kurfürsten ab und suchte über deren Köpfen nach den unterschiedlichen Wahlmottos. Tina folgte ihrem Leidensgefährten in gemessenem Schritt. Über den Köpfen der beiden größten sächsischen Kurfürsten prangten keine überlieferten Worte. Vater und Sohn August, als polnische Könige und Sinnbild des augustinischen Zeitalters, schienen dafür keine Verwendung gefunden zu haben.

Doch direkt dahinter folgend war es möglich, die jeweiligen fürstlichen Leitsprüche zu lesen. Dem „Gott und dem Vaterlande“ von Johann Georg II. folgte das „Christus meines Lebens Ziel“ von Johann Georg I. und dem „Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang“ von Christian II. schloss sich das Kredo Christian I. „Fide Sed Vide“ an. Schließlich erreichte Tina den Standort von Andreas. Mit leicht geöffnetem Mund stand er vor einer Zweiergruppe von wettinischen Herrschern. Augustus und Moritz von Sachsen waren die bedeutendsten spätmittelalterlichen Machthaber auf dem Thron in Dresden. Mit Moritz von Sachsen kehrte gar die Kurwürde unwiederbringlich nach Elbflorenz zurück. Über den Köpfen der beiden großen Landesfürsten prangten die Worte …....................... [...]