Gottessöhne von Tyra Reeves

Bild des Benutzers Tyra
Altersfreigabe: 
ab 16 Jahre
Genre: 
Exposé / Leseprobe
Umfang: 
288 DIN A4 - Normseiten
Kategorie(n): 
Fantasie

Kate Wilson, eine junge Frau von 26 Jahren, will in der Großstadt New York ihren Traum von der Karriere als Malerin verwirklichen. Doch wie so oft im Leben, ist der Weg zum Ziel voller Steine und sie wird gezwungen einen langweiligen Bürojob anzunehmen. Das Leben erscheint ihr hohl und sinnlos, bis eines Tages ein bemerkenswert gut aussehender Mann in ihr Leben tritt. Von nun an ist nichts mehr wie bisher. Kate wird in einen uralten Kampf zwischen den Mächten der Dunkelheit und des Lichts, der seinen Ursprung in den antiken Zeiten der Bibel hat, hinein gezogen.

Ihre Willensstärke und ihre junge Liebe zu dem schönen Fremden werden auf eine harte Probe gestellt.

Gottessöhne von Tyra Reeves


Kapitel 1

Sie wusste nicht, wo sie sich befand, und zu allem Überdruss konnte sie sich nicht bewegen. Riemen, die sie an eine harte Unterlage fesselten, schnürten sich in ihre Oberarme und Schienbeine. Ihre Hände strichen über eine kalte und glatte Oberfläche. Es fühlte sich wie Stein an. Ja, Stein, wie kühler, polierter Marmor. Anscheinend lag sie auf einer marmornen Platte.

Sie öffnete die Augen und sah nichts außer: Grau. Undurchdringlicher Nebel hüllte sie ein. Sie drehte den Kopf nach rechts und links, doch der graue Dunst gab ihren Blick nur für einen Meter frei. Dann hob sie ihren Kopf, und sah an sich herunter. Es war genauso, wie sie vermutet hatte. Sie war mit ledernen Riemen an Armen und Beinen auf einer dunklen Marmorplatte gefesselt. Gefesselt wie ein Opfertier, das auf das todbringende Ritualmesser wartet.

Etwas eisig Kaltes kroch ihr linkes Schienbein hinauf. Was war das? Eine Schlange? Sie begann an ihren Fesseln zu zerren, ihr Oberkörper wollte sich aufbäumen, doch die Lederriemen gaben keinen Millimeter nach. Das kalte Unbekannte schob sich weiter hinauf, hinauf bis zu ihrem ungeschützten Schoß. Voller Ekel und Panik schrie sie auf, als das eisige Etwas in sie eindrang und von ihrem Unterleib Besitz nahm.

Ein Blitz schoss vom Himmel auf die Erde hinab, gefolgt von tiefem Donnergrollen. Alles um sie herum erzitterte. Mit lautem Knirschen und Dröhnen zerbrach die steinerne Platte unter ihr und sie war frei.

Der Nebel löste sich auf. Um sie herum standen dicht an dicht Laubbäume, deren Blätter sich im Wind hin und her wiegten, als wollten diese sie tiefer in den Wald hinein locken. Unter ihren Füßen spürte sie Gras und der Waldboden gab bei jedem ihrer Schritte federnd nach.

Ein Lichtstrahl, der sich seinen Weg durch das dichte Grün der Bäume bahnte, erregte ihre Aufmerksamkeit. Dort, ein paar Meter vor ihr, auf einem auf dem Boden liegenden Baumstamm, wurde hell das Sonnenlicht reflektiert. Irgendetwas lag da.

Neugierig näherte sie sich dem Baum und erblickte darauf ein Schwert. Um den dunkle Lederscheide war eine silberne Kette, in Form einer Schlange, geschlungen. Die roten Steinaugen des Reptils schienen sie verschwörerisch anzufunkeln und neben dem Schlangenkopf lag ein metallenes Amulett: ein Hexagramm in dessen Mitte ein Ziegenkopf, mit gedrehten Hörnern und spitzem Maul, prangte. Ihr Blick wanderte hinauf, zu dem Griff des Schwertes. Dort ruhte ein fein gearbeitetes Schmuckstück in Form eines Engels, dessen gezücktes Schwert direkt auf den Kopf der Schlange zielte.

Um sie herum herrschte Totenstille. Der Wind hatte sich gelegt. Die Äste und Blätter der Bäume waren wie zu Eis erstarrt.

Aus weiter Ferne ertönte ein undefinierbares Grollen. Es hörte sich an, als würden Steine über den belaubten Waldboden gerollt, die sich immer näher auf sie zu bewegten. Das Geräusch wurde lauter und lauter.

»Guten Morgen, Sie hören die Sieben-Uhr-Nachrichten. Wir möchten, dass sie heute gut in den Tag kommen. Und denken Sie immer an mein Motto: Vergib Deinen Feinden, aber vergiss niemals ihre Namen…«

Kate schlug auf den Radiowecker, der sofort verstummte. Verwirrt fragte sie sich, wo sie war und riss die Augen auf. Natürlich daheim, in ihrem Bett. Sie drehte sich um und wollte gerade wieder in den Schlaf wegdriften, als vier weiche Pfoten mit einem kaum hörbaren Plumps auf ihren Beinen landeten. Sekunden später, vier weitere Pfoten, die über ihre Bettdecke balancierten, gefolgt von einem Schnurrkonzert, das ab und zu von forderndem Maunzen unterbrochen wurde. »Ja, ja. Ich steh schon auf«, krächzte Kate mit schlaftrunkener Stimme. Die Realität drang langsam in ihr Bewusstsein, das immer noch von dem seltsamen Traum gefangen war. Seit einer Woche habe ich nun immer den gleichen Traum und nie träume ich ihn zu Ende. Wenn das so weitergeht, muss ich noch zu einem Seelenklempner, dachte sie müde. Mit einem Schwung warf sie sich aus dem Bett, was von einem begeisterten Miauen begrüßt wurde.

Sie streckte und reckte sich genüsslich, schlurfte langsam ins Badezimmer, gefolgt von zwei wuscheligen, vierbeinigen Pelztieren. Wie immer kam erst minutenlang kaltes Wasser aus dem Duschkopf, bis die Temperatur auf ein morgendlich erträgliches Maß angestiegen war. Kate stieg mit einem wohligen Seufzer unter die heiße Dusche, während sie von zwei blauen Augenpaaren, neben dem langen, cremefarbenen Fell eine typische Eigenschaft der Katzenrasse »Heilige Birma«, neugierig beobachtet wurde. Die Katzen konnten sich nie an dem merkwürdigen Schauspiel satt sehen, das ihre geliebte Dosenöffnerin unter dem herab rieselnden Nass veranstaltete. Endlich wurde das allmorgendliche Badezimmerritual beendet, und ihr menschlicher Mitbewohner machte sich auf den Weg in die kleine Küche. Liebevolles Streichen um die Beine sollte ihrem Menschen nun eindeutig zu verstehen geben, dass es höchste Zeit für ihr Frühstück war.

»Hier, Bangla«, Kate schob einen vollen Futternapf unter des Kätzchens Nase »und dieser Napf ist für dich, Desh«. Zufriedenes Schnurren erfüllte den Raum. Kate streckte sich und schaltete die Kaffeemaschine ein. Dann begab sie sich ins Schlafzimmer, zog sich Jeans, weiße Bluse und einen blauen Blazer an, strich ihr Bett glatt und trat dabei auf etwas Weiches, Nachgiebiges. »Oh, nein. Der Morgen fängt ja gut an.« Auf dem dunklen Holzparkett prangte ein grüner, öliger Farbfleck, während sich Kates dicker Zeh langsam von der daneben liegenden Farbtube hob. Fluchend griff sie nach einem alten Lappen, der von Farbe nur so strotzte und wischte den Klecks auf. Die Tube flog im hohen Bogen in eine Schachtel, in der weitere Malutensilien lagen. Dabei fiel ihr Blick auf die bemalten Leinwände, die gestapelt an der Wand lehnten. Das oberste zeigte eine Tänzerin in rot und schwarz gekleidet, die schwerelos durch eine Menschenmenge kreiste. Doch irgendwie fehlte dem Bild noch der letzte Schliff. Ihre innere Version von dem Gemälde wollte einfach keine Gestalt annehmen. Dieses Wochenende würde sie sich endlich wieder der Malerei widmen.

Köstlicher Kaffeeduft lockte sie in die Küche, in der die beiden Katzen genießerisch ihr Mahl kauten. Kate trank die Tasse Kaffee im Stehen, wischte die Küchenzeile sauber, gab Bangla und Desh einen Abschiedskuss und machte sich auf den Weg zur Arbeit. Ein Tag, wie jeder andere, ging es ihr durch den Kopf, als sie sich in die wie jeden Tag überfüllte U-Bahn von New York City zwängte. Die Leute um sie herum hingen ihren Gedanken nach oder lasen die Tageszeitung. Jeder war ganz für sich.

Aus der U-Bahn aussteigen, die Station hoch, einen Block weitergehen, durch die Drehtür in das riesige Bürogebäude, den Pförtner grüßen, in den Lift hinein, mit anderen unwilligen Mitmenschen in den 6. Stock hochfahren, dann raus ins Großraumbüro und auf den Stuhl fallen lassen. Tag ein, Tag aus, das Gleiche. Ich bin genau das geworden, was ich nie sein wollte: ein funktionierender Großstadtmensch, der seinen Job hasst und darauf hofft, dass irgendetwas ihn aus seiner Lethargie reißt.

Kate zog eine Grimasse und fuhr sich durchs Haar, das wie üblich aussah, als hätte es viel zu selten einen Kamm gesehen. Sie schaltete den PC ein, gleichzeitig zog sie sich ihr Headset über die Ohren und drückte auf den blinkenden Knopf an ihrem Telefon. »Guten Morgen, hier ist die Multi Medex Cooperation«, trällerte sie freundlich ins Mikrofon. »Mein Name ist Kate Wilson. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«

Endlich, Mittagspause! Kate ging zu ihrer Kollegin Lucy, die wie immer wild gestikulierend auf ihr Mikro einredete. Sie musste schmunzeln, und die mandelförmigen Augen der zierlichen Asiatin blinzelten Kate belustigt an. Kate zeigte demonstrativ auf ihre Armbanduhr und Lucy nickte so heftig, dass ihr das glatte, schwarze Haar tief ins Gesicht fiel. Innerhalb von Sekunden wurde der Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung abgewürgt, und die Asiatin schmiss ihr Headset auf den Schreibtisch. Kate lachte.

»Es ist immer dasselbe mit dir. Vor lauter Arbeit vergisst du sogar die Mittagspause. Dir scheint der Job ja richtig Spaß zu machen.«

»Na klar. Dir etwa nicht?«

Kate brummte etwas Unverständliches. »Los, lass uns nach nebenan ins Bistro gehen. Ich habe richtig Kohldampf.«

Das Bistro war gut gefüllt. Kate und Lucy genossen ihren Lunch. Lucy brachte das Kunststück fertig, auch noch mit vollem Mund weiter zu plappern und Kate konnte sich das Lachen über den munteren Redeschwall nicht verkneifen. »Du Kate, ich habe Neuigkeiten von Charlene. Sie wird bald ihr Kind bekommen.«

Kate stutzte. »Ich dachte, sie wäre noch nicht so weit. Ist sie nicht erst im 6. Monat?«

»Nein, das hat anscheinend nicht gestimmt. Sie war wohl etwas durcheinander mit dem, ähm, Empfängnistermin. Sie muss die ersten Schwangerschaftszeichen nicht bemerkt haben. Na, ist ja auch egal. Hauptsache sie bekommt endlich ihr Kind. Wie lange hat sie darauf gehofft, schwanger zu werden und es wollte und wollte nicht klappen.«

»Ja, ich weiß, es war eine schwere Zeit für Charlene und Martin. Aber das weißt du ja bestimmt besser, Lucy, schließlich bist du mit Charlene enger befreundet als ich.« Lucy beugte sich über den Tisch zu Kate und begann zu flüstern: »Stimmt, sie hat mir auch erzählt, dass sie die Antidepressiva sofort abgesetzt hat, nachdem sie sich sicher war, schwanger zu sein. Sie war in einer solchen Hochstimmung gewesen, als wir uns damals verabredet hatten, so hatte ich sie schon lange nicht mehr erlebt. Allerdings glaube ich kaum, dass sie noch mal zurück ins Büro kommt. Bestimmt will sie nur noch für ihr Kind da sein.« Die beiden Frauen verstummten und hingen ihren Gedanken nach.

»Oh je«, Kate sah auf ihre Uhr, »unsere Pause ist längst vorüber. Wir müssen gehen.« Im Eiltempo verließen die Freundinnen das Café und hasteten durch den sich ständig bewegenden Menschenstrom zurück in Richtung Bürogebäude.

Kate stoppte unvermittelt, als eine junge, attraktive Frau auf sie zu stolzierte. In dem Menschengedränge war es unmöglich, ihr auszuweichen. Die Frau blieb direkt vor ihr stehen, sah Kate desinteressiert an und schien darauf zu warten, dass ihr Gegenüber den Weg frei machte. Kate starrte die Frau gebannt an. Noch nie hatte sie eine solch schöne Frau gesehen. Die Unbekannte war etwas größer als sie, sehr schlank und trotzdem kurvenreich. Kate schätzte sie auf Anfang zwanzig. Das lange, rotblonde Haar umspielte in weichen, fließenden Wellen ihr ebenmäßiges Gesicht. Dunkelgrüne, schräg stehende Augen musterten sie kühl unter schwarz glänzenden, gebogenen Wimpern. Der rote Mund, dessen vollkommen geschwungene Linie jeden Mann um den Verstand bringen musste, verzog sich zu einem arroganten Lächeln. Ein betörender Duft ging von ihr aus, und der locker um die Schulter drapierte Pelz verstärkte die leicht verruchte Aura, die sie umgab.


Kapitel 11

Zwischen Euphrat und Tigris vor ca. 10.000 Jahren

Samsaveel zog erschrocken die Luft ein, als er zum ersten Mal das Gewicht seines neugeborenen Körpers wahrnahm. Aber auch das Heben und Senken seines Brustkorbs sowie das Weiten seiner Lungenflügel war ein komplett neues Gefühl für ihn. Alles war neu, erschreckend und köstlich zugleich auf seine Art.

Er sah sich um. Seine jungfräulichen Augen schmerzten, als das Sonnenlicht in sie eindrang und er musste sie schließen. Dann, vorsichtig, hob er die Lider leicht an, blinzelte und betrachtete voller Staunen die Welt um sich herum. Seine 200 Brüder, allen voran ihre beiden Anführer, Semjaza und Azazel, schienen genauso überwältigt von den ungewohnten Sinneseindrücken zu sein wie er. Semjaza, mit seinem hellblondem schulterlangem Haar, der wie der schwarzhaarige Azazel, die anderen Grigori um einen Kopf überragte, begann als erstes seinen neu erworbenen physischen Körper zu erproben. Er streckte und dehnte die Muskeln seiner Arme und Beine, hüpfte auf und nieder und wagte dann die ersten Gehversuche. Samsaveel und die anderen Wächter fingen an, es ihm gleich zu tun. Wie merkwürdig die Schwerkraft der Erde doch war. Vorbei das Gefühl von grenzenloser Freiheit. Hier auf der Erde war alles begrenzt. Die Farben der Pflanzen und Steine waren hineingepresst in Formen. Eswar so ganz anders als die Sphäre der reinen Spektralfarben. Alles, was existierte, hatten die Grigori als eine Flut von Licht, Farben und Energie wahrgenommen, sogar Töne und Geräusche hatten nur aus Energiewellen bestanden, die sich in eine Fülle aus Farben transformieren ließen.

Aber jetzt? Auf der Erde war alles anders. Semjaza und Azazel begaben sich an die Spitze der Gruppe, und nachdem sie die Koordination ihrer Muskeln und Gelenke immer besser beherrschten, setzte sich der gesamte Trupp in Bewegung.

Samsaveel spürte die Erde unter seinen Füßen, die sich mit jedem Schritt zu verändern schien. Mal war sie steinhart, dann weich und nachgiebig. Über seine Haut strich der Wind und überwältigte ihn mit einem Neuronenfeuerwerk, das dieser in seinem Gehirn auslöste.

Auf einmal drang ein lautes Rauschen in sein Ohr. Er konnte das Geräusch nicht einordnen, wollte aber unbedingt die Quelle dieses Lautes ausmachen. Er wand sich nach rechts, das Rauschen wurde leiser. Er drehte sich um, ging unsicheren Schrittes in die entgegengesetzte Richtung und die Lautstärke des undefinierbaren Geräuschs schwoll an. Er musste also auf dem richtigen Weg sein. Weiter schritt er durch das weiche Gras, in dem vereinzelt Bäume mit silbrig grünen Blättern standen. Seine erste Begegnung mit einem Baum war schmerzhaft gewesen. Die Koordination seiner jungen Sehkraft mit der Einschätzung von Entfernung und dem zugehörigen Befehl an seine Muskeln war noch nicht ausgereift und so war er prompt gegen den Stamm eines Baumes gelaufen, der ihm im Weg gestanden hatte. Schmerz! Ein Gefühl, auf das er gerne verzichtet hätte. Schon bald konnte er zwischen zwei Arten von Gefühlen unterscheiden, angenehmen, die es galt, immer wieder zu erfahren und unangenehmen, wie Schmerz, den man besser vermied.

Der Baumbestand wurde immer dichter, je weiter Samsaveel dem Rauschen folgte. Dann versperrte ihm dichtes Gestrüpp den Weg, er kämpfte sich hindurch und kam zu einer kleinen Lichtung, die halb von einer grauen Felswand umrandet war. Das Rauschen und Brausen war nun laut und deutlich zu vernehmen, er musste die Quelle des unbekannten Geräusches gefunden haben. Zuerst konnte er den Anblick, der sich im bot, nicht einordnen. Was war das? Eine weiche, glitzernde, formlose Masse stürzte von einer höheren Ebene hinab, sammelte sich unter einer weißlichen Wolke und bildete eine glatte, durchscheinende Fläche. Dann traf ihn die Erkenntnis wie ein Blitzschlag. Das war Wasser, er stand vor einem Wasserfall. Voller Freude lachte er auf und erschrak sofort über den seltsamen Ton, den sein Kehlkopf erzeugt hatte. Vorsichtig schritt er um den glatten Spiegel des kleinen Sees und näherte sich dem tosenden Wasserfall. Eine Gischt winziger Wassertropfen spritzte in sein Gesicht und wieder lachte er. Er streckte die Zunge heraus, fuhr sich über den, von reinem Wasser, benetzten Mund. So also schmeckte Wasser. Wasser! Der Quell des Lebens!

Eine laute Stimme erklang, und obwohl seine jungen Ohren diese Stimme das erste Mal in sich aufnahmen, wusste er sofort, dass es Semjaza war, der dort rief. Wie oft hatte ihn seine Stimme im Geist erreicht, um ihm Anweisungen zu geben oder auch nur um sich mit ihm auszutauschen. Seine irdische war der himmlischen sehr ähnlich, tief und machtvoll. Semjaza forderte die Grigori auf, zusammen zu bleiben und weiter die Umgebung zu erkunden. Samsaveel kehrte zur Gruppe zurück und gemeinsam marschierten sie weiter.

Das Zusammenspiel von Muskeln, Sehnen und Nerven wurde mit der Zeit immer besser, so dass aus den vorher eher ungelenken Schritten der Grigori mehr und mehr geschmeidige Bewegungen wurden. Ihre neuen Körper waren ausdauernd, ausdauernder als gewöhnlich menschliche, und so konnten sie ihren Marsch stundenlang und ohne Unterbrechung fortsetzen.

Ein Schatten durchzog Samsaveels oberes Blickfeld und er schaute gen Himmel. Ein Adler drehte seine Kreise. Mühelos und ohne einen einzigen Schlag seiner Flügel schwebte er durch die Luft. Fasziniert beobachtete Samsaveel den Vogel und ein sehnsuchtsvolles Verlangen überkam ihn, gepaart mit einer Prise Bedauern.

Schließlich gelangten sie an den Rand einer Graslandschaft, die sich weit bis zum Horizont zog. Semjaza erhob die Hand. Vor ihnen, umgeben von wogendem grünbraunem Gras, äste eine Herde Gazellen. Die Tiere hoben ihre Köpfe, sahen zu den Wächtern, ließen sich jedoch nicht stören und fingen wieder an, Gras zu rupfen.

Sie haben gar keine Angst vor uns, ging es Samsaveel durch den Kopf. Er kniff die Augen zusammen und betrachtete die Herde. Da sah er es. Jedes Tier war von einem bunt schimmernden Lichtschein umgeben. Er konnte es also immer noch. Er hatte noch immer die Fähigkeit, die Aura eines jeden Lebewesens zu lesen, selbst in diesem physisch begrenzten Körper. Wie wunderschön die Fülle der Natur ist und dabei erwartet uns noch das größte Wunder.

Sie durchschritten die Grasebene. Der Tag neigte sich seinem Ende entgegen und das Sonnenlicht wich der Abenddämmerung.

Auf einmal hörten sie Stimmen, menschliche Stimmen, wie sie erkannten, da diese ihren Geist schon vor ihrer Materialisierung berührt hatten. An einem Bach knieten fünf Frauen und füllten ihre tönernen Krüge mit frischem Wasser. Als sie die Grigori bemerkten, sahen sie auf und ließen vor Schreck die Krüge fallen. Spitze Schreie ausstoßend stoben sie davon.

»Lauft nicht weg, wir tun euch nichts«, rief der zweite Anführer Azazel. »Wir haben friedliche Absichten, kommt zurück! Wir wollen nur mit euch reden.« Samsaveel trat zu Azazel. »Anscheinend wirken wir auf sie furchteinflößend. Wir sollten versuchen, ihr Vertrauen zu gewinnen.« Azazel nickte kurz und kletterte den kleinen Abhang hinab, der zu dem Bach führte. Doch dann wurden seine Bewegungen zögerlich und er musterte den Bachlauf misstrauisch. Wieder gesellte sich Samsaveel zu ihm und meinte in beruhigendem Ton: »Das ist nur Wasser. Ich konnte es auch nicht einordnen, als ich es das erste Mal gesehen habe. Aber es ist nur Wasser, lebensspendendes Wasser.«