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er Riss


 

 

Bewertung:

5
Ø-Bewertung: 5 (1 gesamt)


Der Riss


 

Der Sessel ist nicht eben der bequemste - billiger Ramsch aus dem Großmarkt; er hätte sich diese ekelhaft unauffällige Garnitur, die kaum zum Sitzen taugt, geschweige denn ästhetischen Genuss vermittelt, niemals kaufen sollen. Zu allem Überfluss tut der zäh nachgebende Bezug auch noch so, als sei er aus Leder; künstliche Poren und Falten bemühen sich vergeblich um eine Illusion von Echtheit.

Aber was stört ihn das jetzt, wo es ihm sowieso nie etwas ausgemacht hat? Wenn er abends nach Hause zurückkam und sich in eines dieser erstickend weichen braunen Polster warf, hatte ihm der Bürostuhl ohnehin längst das Kreuz verbogen. Genauso gut hätte er sich ins Leere werfen können; vielleicht hatte er diese Einsicht verdrängt, vielleicht trieb ihn ein unbewusster Instinkt immer wieder in die gleiche zerknautschte Mulde. Sein Gesäß traf im Lauf der Jahre immer genauer und routinierter das Ziel, ohne dass er überhaupt hinsehen musste. Auch für das möblierte Halbdunkel um ihn herum hatte er kaum einen Blick; es reduzierte sich in seiner Wahrnehmung vollständig auf ein einziges flimmerndes Rechteck – seinen letzten wirklichen Freund, seinen Fernseher.

Wenn er jetzt, nach wer weiß wie langer Zeit, wieder die unveränderte Anordnung der Konturen und Oberflächen des Mobiliars anstarrt, dann nur, weil die gealterte Bildröhre mit ihrem grau-blau wabernden und zuckenden Farbgemisch inzwischen die Augen schmerzen lässt. Länger als fünf Stunden hält er es nicht mehr aus, die Pupillen ununterbrochen auf diesen Fixpunkt auszurichten und sich an den Bildern festzusaugen.

Vielleicht hätte er sich längst auf neue Technik umstellen sollen: Flachbildschirm, Surround-Sound, Festplattenrecorder, alles voll digital. Vielleicht hätte ihm das neue Impulse gegeben, vielleicht noch Durchhaltevermögen für ein paar Jahre. Und dann - wer weiß. Vielleicht gibt es dann dreidimensionales Fernsehen, Bilder zum Greifen, Holographien mitten im Raum. Oder Fernse-hen mit Geruch, bestimmt genug für noch mal zehn Jahre. Aber zehn Jahre hier? In diesem Sessel, in dieser Wohnung?

Unmöglich, ausgeschlossen. Irgendwann werden die Vorräte ausgehen, wird das Wasser abgedreht und der Strom gesperrt werden; dann ist es eh aus mit dem Fernsehen. Man wird Gebühren kassieren